Trotz des 2:1 Erfolges des FC Bayern München beim Auswärtsspiel gegen SV Werder Bremen hat BvB Borussia Dortmund mit seinem 2:0 Sieg gegen Borussia Mönchen Gladbach zum achtenmal die Deutsche Fussballmeisterschaft errungen.

Herzlichen Glückwunsch!!

Vor 80.720 Zuschauern im seit Wochen ausverkauften Westfalenstadion war Borussia Dortmund von der ersten Minute an das deutlich bessere Team und ging durch ein Kopfballtor von Perisic in der 23. Minute in Führung. In der zweiten Halbzeit vollendete Kagawa einen klasse Angriff zum 2:0 in der 59. Minute. Damit war klar: Borussia Dortmund ist drei Spieltage vor Saisonende Deutscher Meister!

So beschreibt Borussia die Saison selbst:

“Auf und davon! Mit acht Punkten Vorsprung holt sich der BVB vorzeitig den Titel.
Vor der Nordtribüne spielen sich andere Szenen ab. Louis Kehl umdribbelt den Nachwuchs eines anderen Borussen-Spielers und schiebt den Ball ins Tor – das Stadion jubelt. Am 32. Spieltag der Saison 2011/2012 und damit zum gleichen Zeitpunkt wie im Vorjahr macht der BVB sein Meisterstück durch ein 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach.

“Wer zwei Mal in einer Saison den Zweiten und den Dritten schlägt”, sagt Präsident Dr. Reinhard Rauball, wer zudem gegen den Vierten einen Sieg und ein Unentschieden holt, “der ist verdientermaßen Deutscher Meister.”

“Die herausragende Leistung der Mannschaft besteht darin, mit der sie Erlerntes auf den Platz bringt”, betont Jürgen Klopp: “Nach dem sechsten Spieltag Elfter zu sein mit sieben Punkten, und von diesem Spieltag an 65 Punkte zu holen, das ist…” – Klopp stockt – “… wenn du darüber einen Film drehen würdest, sagt jeder, das ist zu viel, darfst nicht übertreiben, lass sie vier, fünf Mal verlieren, dann ist immer noch gut.”

Zwischen der siebten und der achten Deutschen Meisterschaft liegen spannende Monate. Eine Kampfansage an Rekordmeister und Herausforderer Bayern München gibt es beim Trainingsauftakt Ende Juni 2011 ebenso wenig wie markige Sprüche. “Wir sind nicht der klassische Titelverteidiger. Aufgrund der Altersstruktur der Mannschaft und der finanziellen Struktur des Vereins war die Meisterschaft einfach viel zu überraschend”, erklärt Hans-Joachim Watzke, der dennoch erstmals seit Jahren eine Zielvorgabe formuliert: “Wir werden alles dafür tun, um uns wiederum für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren.”

3:1 zum Auftakt gegen den Hamburger SV

So sehen es auch die Fans. “Vor der letzte Meistersaison hat ganz Dortmund gedacht: Europa-Liga wäre fett!”, heißt es in einem aktuellen Forumsbeitrag: “Meister sind wir geworden. Und vor der jetzigen Saison: Europa-Liga ist drin. Ach komm, Champions League bestimmt mit etwas Glück und Verstand auch.”

Vor allem nach so einem Auftakt. Nach Nationalhymne und allem Tam-Tam wird der Hamburger SV seziert wie Seezungenfilet. Das 3:1 zum Saisonauftakt spiegelt den Spielverlauf nicht annähernd wider, so überlegen, so dominant, so mitreißend agiert der Titelverteidiger in Spiel eins nach der Meisterschaft 2011. Großkreutz (17. und 48. Minute) sowie Götze (29.) sorgen für eine frühe, eindeutige 3:0-Führung. Dortmund steht nach dem Abpfiff kopf. Als hätte es die Sommerpause nicht gegeben, wird gefeiert bis in den frühen Morgen.

“Das Vorbild Dortmund” titelt die zur Nüchternheit neigende Frankfurter Allgemeine Zeitung nach dem 3:1-Auftaktsieg gegen Hamburg, und Münchens boulevardeske Abendzeitung befindet: “So läuft Dortmund den Bayern davon.” Jürgen Klopp schwant jetzt Böses: “In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es eine totale Verschiebung. Die Bayern können plötzlich nichts mehr – wir können alles.” Die Bayern verlieren nämlich ihr Auftaktspiel gegen Knapp-Nichtabsteiger Gladbach mit 0:1.

“Seinen erbittertsten Kampf”, merken die Ruhr Nachrichten an, “führt der Deutsche Fußball-Meister zurzeit abseits des Rasens. Die Klubführung erwehrt sich inbrünstig dem öffentlichen Eindruck, der BVB habe sein Spiel inzwischen unabhängig gemacht von der Klasse des Gegners und sei als neuer Bundesliga-Gigant geradezu unantastbar.”

Es kommt, wie es kommen muss. Von den folgenden fünf Spielen gewinnt der BVB nur eins (2:0 zu Hause gegen Nürnberg), verliert in Hoffenheim (0:1) und gegen Berlin (1:2), holt in Leverkusen beim 0:0 einen unterm Strich einigermaßen schmeichelhaften Punkt.

“Entwicklung braucht einen Tiefpunkt”

Dann kommt Hannover. “Entwicklung braucht einen Tiefpunkt”, wird Jürgen Klopp später sagen. Die Borussen machen ein gutes Spiel – wie in den Wochen zuvor eigentlich auch – und sie führen verdient durch ein Tor von Shinji Kagawa. Bis zur 87. Minute. Dann dreht 96 das Spiel. Haggui (87.) und Ya Konan (89.) treffen zum 2:1.

Sportdirektor Michael Zorc, der schon nach der allgemeinen Lobhudelei beim 3:1-Auftaktsieg gegen Hamburg erkannt hat, dass “manch ein Journalist seine Meinung schneller ändert als die Eiskunstläuferin Marina Kielmann Pirouetten drehen konnte”, muss sich bestätigt sehen. Medial weht nun ein ganz anderer Wind. “Seit 27 Jahren ist kein Deutscher Fußball-Meister schlechter in die neue Saison gestartet als Borussia Dortmund”, ätzt die Deutsche Presseagentur (dpa) und rechnet vor: “Weniger als sieben Punkte nach sechs Spielen hatte – unter Anwendung der Drei-Punkte-Regel – zuletzt der VfB Stuttgart in der Saison 1984/85 auf dem Konto.”

Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt. Borussia Dortmund – zu diesem Zeitpunkt Tabellenelfter – legt anschließend die größte Erfolgsserie hin, die es jemals in der Bundesliga geben wird. Von diesem sechsten Spieltag an, dem 1:2 am 19. September 2011 in Hannover, bleibt der BVB bis zur erfolgreichen Titelverteidigung ungeschlagen!

Ivan Perisic gleicht im folgenden Spiel in Mainz in der 64. Minute aus. “Wir wollten nicht mit einem Punkt die Heimreise antreten”, erinnert sich Mats Hummels. “Durch 16 Abwehrbeine” (Jürgen Klopp) hindurch rauscht in der 90. Minute der von Lukasz Piszczek getretene Ball und schlägt links unten im Tor ein. Der BVB bejubelt einen 2:1-Sieg.

Nach vier weiteren Siegen (4:0 gegen Augsburg, 2:0 in Bremen, 5:0 gegen Köln, 5:1 gegen Augsburg) sowie einem – für die Gastgeber – schmeichelhaften 1:1 beim VfB Stuttgart tritt der BVB am 13. Spieltag beim Tabellenführer FC Bayern München an. Der hatte zwischenzeitlich acht Punkte Vorsprung, vor dem direkten Aufeinandertreffen sind es fünf.

Mario Götze erzielt das Tor zum 1:0-Auswärtssieg in der Allianz-Arena. “Vor vier Wochen waren die Leute noch der Meinung, wir wären in der Krise – und jetzt sollen wir wieder Bayernjäger sein?”, fragt Hans-Joachim Watzke und versichert: “Wir gehen unseren Weg. Wir haben vergangenes Jahr erst einmal nicht nach oben, nicht nach unten und nicht zur Seite geschaut. Und das machen wir jetzt wieder so.”

Nach dem Derbysieg auf Platz eins

Nächster Gegner ist der FC Schalke 04. Der BVB gewinnt das Derby souverän mit 2:0. Lewandowski und Santana reißen die Fans mit ihren Toren von den Sitzen. Seit dem unglücklichen 1:2 in Hannover holt der Deutsche Meister 22 von 24 möglichen Punkten und klettert in der Tabelle nach dem Derbysieg auf Platz eins!

Die Tabellenführung hält allerdings nur eine Woche. In Gladbach (1:1) gibt die Mannschaft den Sieg noch aus der Hand, verliert aber auch nach dem anschließenden 1:1 gegen Kaiserslautern mit drei Pfosten- und Lattentreffern nicht die Linie. Mit einem 4:1 in Freiburg und starken 34 Punkten (drei weniger als München) geht es in die Winterpause.

In die Rückrunde startet die Mannschaft mit einer noch nie da gewesenen Siegesserie. 5:1 gegen Hamburg, 3:1 gegen Hoffenheim, 2:0 in Nürnberg (und Übernahme der Tabellenführung am 20. Spieltag), 1:0 gegen Leverkusen und in Berlin, 3:1 gegen Hannover und 2:1 gegen Mainz. Nach dem 24. Spieltag führt der BVB die Tabelle mit sieben Punkten an.

Es folgt ein 0:0 – ausgerechnet bei Aufsteiger Augsburg. “Niemand ist zu Tode betrübt”, äußert Mats Hummels: “Es war nicht zu erwarten, dass wir alle 17 Rückrundenspiele gewinnen würden. In diesen Spielen, in denen es nicht so gut läuft, ist es wichtig, nicht als Verlierer vom Platz zu gehen.”

Drei Wochen später – nach einem 1:0 gegen Bremen und einer 6:1-Gala in Köln – gehen die Schwarzgelben ebenfalls nicht als Verlierer, aber auch nicht als Sieger nach Hause. Der Signal Iduna Park sieht eines dieser Spiele, über das man noch in Jahrzehnten sprechen wird. Bis 20 Minuten vor Schluss sieht es aus wie ein gewöhnliches Spiel mit einer umjubelten 2:0-Führung für den BVB. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Bis zum Abpfiff werden noch sechs weitere Tore fallen. Zunächst geht der VfB Stuttgart binnen acht Minuten mit 3:2 in Front. Hummels trifft zum 3:3. Und Perisic zum 4:3 in der 87. Minute. Der Tempel kocht – und ist fassungslos, als Gentner in der Nachspielzeit das 4:4 macht. Applaus – auch für den Gegner!

Zweiter Sieg in dieser Saison gegen die Bayern

Die Bayern blasen hernach verbal zur Attacke, haben sie den Rückstand doch von sieben auf drei Punkte reduzieren können. Vor dem direkten Duell halten sich beide schadlos, Borussia siegt in Wolfsburg mit 3:1.

Mittwoch, 11. April 2012. Der Tag der Vor-Entscheidung. Mit einem Sieg sind die Münchner wieder vorn in der Tabelle. Ein derart intensives Spitzenspiel hat es zuvor kaum gegeben. Borussia spielt im ersten Durchgang nahezu perfekt, presst, verteidigt, schaltet blitzschnell um – nutzt aber die Chancen nicht. Neuer hält spektakulär gegen Großkreutz (6.), Lewandowski trifft nach Kubas Flanke den Pfosten (37.). Nach dem Wechsel wird Bayern stärker, doch das Tor gelingt dem BVB. Nach kurz gespielter Ecke hält Großkreutz volley drauf, und Lewandowski fälscht bewusst (und unhaltbar) ab zum 1:0 (77.). Zehn Minuten später hält Weidenfeller einen Foulelfmeter von Robben, der kurz darauf aus kürzester Distanz (nach Subotic´ verunglückter Abwehr an die Latte) verzieht. Auch Lewandowski trifft die Latte (90.+2). “Heute Nacht sind wir voller Adrenalin”, sagt Kevin Großkreutz.

Zeit zum Durchatmen bleibt keine. Drei Tage später steht das 140. Revierderby auf dem Spielplan. Borussia gewinnt nach Rückstand mit 2:1. Piszczek mit einem Traumtor und der nachsetzende Kehl schocken nicht nur Schalke, sondern auch die Bayern, die drei Stunden später im Abendspiel über ein 0:0 gegen Mainz nicht hinaus kommen. Borussia Dortmund führt die Tabelle nach dem 31. Spieltag mit acht Punkten Vorsprung an.

Acht Punkte Rückstand waren es im September 2011.

“Wir sind momentan die Generationen, die den wahrscheinlich besten, schönsten und ehrlichsten BVB aller Zeiten erleben dürfen”, heißt es weiter im eingangs zitierten Forums-Beitrag: “Wie lange müsste ein HSV-, Lautern-, Hertha- oder Köln-Fan warten, um das zu erleben, was wir momentan haben? Wie lange mussten BVB-Fans bisher auf so eine unverwechselbare Zeit gedulden? Wahrscheinlich werden viele Anhänger anderer Vereine so etwas echtes und zugleich erfolgreiches gar nicht erleben. Ja, wer hätte, ganz ehrlich, bei uns in Dortmund mal gedacht, dass wir in diesen Genuss kommen?”

Ganz ehrlich. Kaum jemand. Umso schöner ist es, diese Zeit zu genießen.

Boris Rubert”

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