Ich werfe dem Senat vor, einen Leistungs- und Qualitätsabbau in der Pflege anzustreben. Der Staat darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen. Er muss handlungsfähig sein, damit er Menschen helfen kann, die sich nicht mehr selbst helfen können. Sozialsenator Dietrich Wersich (CDU) erweckt demgegenüber den Eindruck, er wolle mit provozierenden Äußerungen eine Stimmung wecken, in der Leistungs- und Qualitätsabbau im Pflegebereich leichter durchsetzbar sind.
Wersichs “Bedrohungsszenarien zur Verstaatlichung des Zwischenmenschlichen” sollen offenbar ein Klima produzieren, in dem ein weiterer Sozialabbau leichter durchsetzbar ist. Wersich suggeriert, es gebe ausreichend Pflegepersonal und es werde mehr Geld für professionelle Pflege ausgegeben, als erforderlich. Ein Trugschluss, denn mit Blick auf die demographische Entwicklung ist klar, dass wir zukünftig sogar mehr und besser ausgebildetes Fachpersonal in der Altenpflege brauchen werden als heute.
Wersich hatte zuvor die angebliche “Verstaatlichung des Zwischenmenschlichen” und “Überprofessionalisierung des Sozialen” kritisiert. Andererseits stellt seine Behörde im “Rahmenplan der pflegerischen Versorgungsstruktur bis 2010″ fest: “In Hamburg gibt es 41.416 Pflegebedürftige, von denen 29.600 im eigenen Haushalt gepflegten werden. Davon werden 16.500 ausschließlich von Angehörigen versorgt.” – Wersich weiß aber, dass Angehörige, Freunde und Nachbarn bereits heute vermutlich mehr Pflegearbeit übernehmen, als professionelle Pflegedienste. Auch würden viele Menschen mit Hilfebedarf keine Leistungen der Pflegekassen erhalten und seien vollständig auf nachbarschaftliche und familiäre Hilfen angewiesen.
Künftig werden Nachbarn, Familienangehörige oder Freunde prozentual weniger Pflege leisten können als heute. Denn der demografische Wandel verschiebt das Zahlenverhältnis zwischen Hilfebedürftigen und Helfenden. Völlig absurd ist die Behauptung, der Staat habe sich in die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen gedrängt und eine Überprofessionalisierung des Sozialen geschaffen. Wersich tut so, als würde die angebliche Überprofessionalisierung des Sozialen zu einem Rückzug hilfsbereiter Menschen führen. Das müssen die Angehörigen, Freunde und Nachbarn von Pflegebedürftigen als Schlag ins Gesicht empfinden.
Der Senat rechnt damit, dass in Hamburg 45.000 Pflegebedürftige und 66.000 Hilfebedürftige leben. Hilfe und Unterstützung durch Nachbarn, Freunde und Familie sei die Grundlage für den sozialen Zusammenhalt und diese Grundlage muss gestärkt werden. Menschen, die sich uneigennützig engagieren haben Wertschätzung, Anleitung und Unterstützung verdient. Die eigentliche Pflege muss aber weiterhin in professionellen Händen liegen. Ehrenamtliche Pflege bedarf immer der professionellen Unterstützung und Ergänzung.
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